Image
Top
NAVI
27. Mai 2013

Hinter den sieben Bergen …

…bei den sieben Zwergen, ist es heut tausendmal schöner als sonst, denn hier brezeln sie lang auf farbigen Rädern in passend darauf abgestimmter Kluft. Ich bin in Winterberg, im hügligen Sauerland, beim Dirt MastersIm Winter ein Naherholungsgebiet für den gemeinen Skifahrer, werden hier im Sommer die Lifte nicht angehalten, sondern laufen ganz im Gegenteil erst richtig rund. Dann trudeln sie nämlich ein die berüchtigten Waldraudis.
Heute in großen Massen und aus der ganzen Welt um auf verschiedenen Tracks in den Disziplinen: Slopestyle, Downhill und Four Cross, ihre Fähigkeiten zu messen.
Das Interior unterscheidet sich kaum von anderen Festivals: Fressbuden und Bierstände, statt orientalischem Schmuck und Plattenständen reihen sich hier Fahrradhersteller an Reifenhersteller.Die Frage die sich mir unweigerlich stellt: Warum ist das für den Betrachter interessant? Warum sollte es reizvoll sein, jemandem dabei zuzugucken, wie er mit einem Rad einen Hügel runter fährt? Sensationsgeilheit? Also die Hoffnung auf offene Brüche und Rettungshubschrauber?
Aus meiner Empfindung heraus ist es das nicht, sondern viel mehr die Faszination für einen Sport der sich so haarscharf an den Grenzen des Machbaren bewegt. Was hier passiert übersteigt oft die Vorstellungskraft, nach jedem Fahrer denkt man: noch schneller oder höher geht es nicht und dann kommt der nächste und macht es doch. Die Anzahl der Verletzungen zeigt wie nah am Abgrund sich die Fahrer hier bewegen, aber dass die Tracks jedes Jahr noch ein bisschen steiniger, die Doubles noch ein bisschen höher und die Geschwindigkeit noch ein bisschen schneller werden, spricht eine andere Sprache.
Sieht man den Slopestyle-Parkour, zweifelt man im ersten Moment an der Machbarkeit. Wie soll man mit einem Rad überhaupt 5 Meter in die Tiefe springen, nur um dann überhaupt erst richtig anzufangen? Beim ersten Fahrer hat man noch Gänsehaut, wenn der Fünfte direkt mit einem Backflip rein springt, ist es schon gar nicht mehr so abgefahren. Schnell gewöhnt man sich an die Höhe und das Tempo. Bis einer fällt, die Jungs sind gut, können sich abfangen und abrollen, heute verletzt sich niemand schwer. Dennoch öffnen einem solche Momente wieder die Augen für die Höhe und den Anspruch, was man schon fast vergessen hatte. Natürlich sind die Fahrer hier die Crème de la Crème, alles Profis, sich hier mal ordentlich die Haxen zu brechen wäre aber an sich nicht schwer.
Aber so oder so sind die Stürze genau so wichtig wie die erfolgreich gesprungenen Drops oder gefahrenen Tracks. Die ständige Relativierung des Möglichen sorgt beim Betrachter dafür, dass er nicht aus den Augen verliert, wie ambitioniert die Strecke eigentlich ist. Beim Fahrer sorgt sie in besten Fall dafür, dass er seine eigenen Grenzen überschreiten kann, ohne aber so leichtsinnig zu sein, dass das Unterfangen praktisch zum Scheitern verurteilt ist, ein Ballanceakt.
Das ist das Schöne bei Veranstaltungen wie dieser, auch wenn man selber vielleicht nicht die Eier in der Hose hat um so was zu reißen und dann doch lieber mit Bierchen und Bratwurst daneben sitzt, das Lebensgefühl wird dennoch greifbar. Heute entlädt sich dieser Individualsport in einem Gruppengefühl.
Eine Seltenheit, denn eigentlich funktioniert er, zumindest was den Freeride und Downhill Bereich angeht, mehr nach dem Prinzip: ein Mann, sein Fahrrad, der Wald (vielleicht nimmt man gelegentlich noch seine Homies mit). Ganz offensichtlich prallen hier die Gegensätze von höchsten technischen Ansprüchen und dem Dealen mit der vorgefundenen Natur aufeinander, die Öffentlichkeit im weitesten Sinne ist eigentlich keine Komponente davon.
Schade eigentlich, denn diese Jungs und Mädels sind mal richtig gut drauf, wahrscheinlich weil sie gerade machen können, was ihnen Spaß macht. Denn abgesehen von Technik, Kondition und Überwindungsfähigkeit, muss man vor allen Dingen Liebe für die Sache mitbringen um hier zu sein. Das „Fahren“ selbst nimmt einen erstaunlich kleinen Teil innerhalb dieses Sports ein, mindestens genauso umfangreich sind die Vor- und Nachbereitungen.
Angefangen bei der Anschaffung des Equipments, dass teuer ist und auf Grund der Abnutzung die das Fahrverhalten mit sich bringt, praktisch ständig erneuert werden muss. Dann komplexen Überlegungen wie sehr man drei Fahrräder zerlegen muss, um sie in einen Twingo zu quetschen, einer oftmals langen Anreise, um dann im Wald wieder seine kleine Schaufel und Säge auszupacken um erst mal die Strecke vorzubereiten. Neigt sich der Tag dem Ende, muss man voll mit Matsch das nicht selten in Teilen geschrottete Rad wieder ins Auto wuchten, um dann mit häufigen Abstechern zur Notaufnahme zwecks sich dieses oder jenes eingipsen oder verbinden zu lassen, wieder nach Hause zu gurken. Um das Alles durchzuziehen, muss man schon nen bisschen einen Nagel im Kopf haben.
Also Jungs und Mädels: Danke dafür, für einen Tag mal Teil des Ganzen zu sein!